Kurt Wanski: Die Parasiten des Ruhms 

Kurt Wanski
"Die Parasiten des Ruhms". Zeichnungen

Eröffnung: Dienstag, 31. August 2010, 19 Uhr
Es spricht Matthias Flügge
Dauer der Ausstellung: 1. September – 15. Oktober 2010
Öffnungszeiten: Di–Fr 14–19 Uhr

Die Guardini Galerie eröffnet zur Herbstsaison eine Ausstellung mit Zeichnungen von Kurt Wanski aus den vergangenen 30 Jahren. Sie stammen zur überwiegenden Zahl aus Privatbesitz. Seine Arbeiten gehören der art brut an, wenn man diesen Begriff als Beschreibung dessen versteht, was sich außerhalb etablierter Kunstformen bewegt.

Kurt Wanski ist achtundachtzig Jahre alt. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er auf seinem Weg zur Kunst unterwegs und macht Mitteilung über die Begegnungen mit Bildern von der Welt und ihren Eitelkeiten. Er lebt betreut in einem Heim in Berlin. Bis vor kurzem, als er noch besser zu Fuß war, lief er tagsüber durch die Straßen der Umgebung. Ein klassisches Muster eigenbrötlerischen, der Zuwendung bedürftigen Lebens, wenn man es oberflächlich betrachtet. Genau besehen, ist Kurt Wanski sehr wach. Er liest jede Menge Zeitungen und sieht noch mehr Bilder – solche seiner Wirklichkeit und solche der Medien. Dann beginnt er zu zeichnen, und die Eindrücke geraten in einen eigenen Taumel. Sie vermischen sich und erscheinen auf dem Papier als oftmals luzide, immer aber originelle Metamorphosen des Gesehenen, als ganz überraschende Ansichten der „Außenwelt der Innenwelt“, einer Welt des Staunens und der Liebe zum Leben. Diese Blätter sind poetische, aus einer ganz unbefangenen Neugier entstandene und vorurteilsfreie Paraphrasen auf die Bilderflut. Nach seinem eigenen, uns nicht nachvollziehbaren Gesetz wählt er sehr sorgfältig aus. Tiere und Flugzeuge, berühmte Frauen und Männer, Politiker und Schauspieler meist, aber auch Rocker, Clowns und Indianer und Rousseausche Urwälder fesseln seine Aufmerksamkeit. Daneben beeinflusst der Hintergrund des katholischen Stifts, in dem er lebt, die Ikonographie seines Zeichnens maßgeblich. Christus, Maria und die Heiligen geraten so unversehens in den Strudel der alltäglichen Zeichen, der Stars und Stereotypen, der Verlockungen und fiebrigen Visionen, der Zitate und Zoten des Alltags.

Kurt Wanski benutzt Filzstifte und Ölkreiden. Früher hat er vor allem mit Blei- und Buntstiften gezeichnet, die neueren Arbeiten sind schneller, expressiver und deutlicher in ihren Gegenständen. Und sie sind fast immer mit Worten bezeichnet. Als misstraute er letztlich der Bildmitteilung, wird das, was man sieht, in der Sütterlinschrift seiner Kindheit verbal erklärt.

Bis vor einigen Jahren hat Kurt Wanski seine Zeichnungen auf Galeriefußböden ausgebreitet, um sie der Betrachtung und dem Erwerb seiner Bewunderer anzubieten, wenn der ausstellende Künstler nicht widersprach, was kaum einmal geschah. Dann war Stolz in seinen Augen. „Seht, das habe ich gesehen“, sagten die Augen dann, und er erklärte uns die Blätter mit großem Ernst. Es ist die Haltung eines Künstlers, wer wollte das bestreiten. Nicht ohne Grund und schon gar nicht ohne Recht setzt Kurt Wanski hinter seinen Namen, wenn er die große Signatur auf das Blatt malt, ein großes Ausrufezeichen.

Im Untergeschoss zeigt die Galerie einen Film von GERD KROSKE über den Zeichner: KURT – ODER DU SOLLST LACHEN 16 mm, s.w., 30 Min., 1989-91 Kurt Wanski verbringt sein Leben in psychiatrischen Anstalten. Seine Diagnose lautet: “Entwicklungsstand im frühkindlichen Stadium, Bildungsunfähigkeit, Sammeltrieb...“ Frei von allem Druck hat er sich seine eigene Welt erschaffen. Ein Herumstreunender, ein Musiker und Maler in den Straßen Ost-Berlins. Der Film stellt die Frage nach unserem Konzepts von „Normalität“.


Vita: Kurt Wanski

1922
Am 26. April in Altglienicke bei Berlin geboren
1928 – 1938
Besuch der Hilfsschule in Altglienicke, Erlernen des Mundharmonikaspielens und erste Zeichnungen
Als Jugendlicher lebt Kurt Wanski in Zehlendorf bei einer Bauernfamilie zur Pflege und arbeitet mit Freude auf dem Feld und im Stall.
Es folgen verschiedene Klinikaufenthalte.
1939 – 1945
Inhaftierung in Berlin-Rummelsburg, er arbeitete zusammen mit anderen Gefangenen
im Heizkraftwerk Klingenberg und erlebte dort die Bombardierung Berlins.
1946 – 1947
Insasse der Haftanstalt Moabit, Delikt unbekannt.
Einweisung in die Wittenauer Heilanstalten als "Oligophrener mit dissozialen Tendenzen"
seit 1951
Aufenthalt in verschiedenen Berliner psychiatrischen Krankenhäusern
seit 1982
Kurt Wanskis Zeichnungen werden von Liebhabern und Freunden gesammelt
1984
Erste Ausstellung seiner Zeichnungen im "Seitenflügel" der Srezkistraße
1992
Uraufführung des Dokumentarfilmporträts "Kurt – oder Du sollst lachen" von Gerd Kroske

Ausstellungen:
1992 – Brecht Haus Weißensee, Berlin
2001 – Museum Haus Cajeth, Heidelberg
2002 – Brecht Haus Weißensee, Berlin
2002 – Galerie Hofmann + Cyrath, Berlin
Galerie Susanne Zander, Köln
2003 – Leonardi-Museum Dresden
2004 – Galerie Monika Beck, Homburg / Saar
2010 – Guardini Galerie, Berlin

Arbeiten von Kurt Wanski befinden sich in privaten sowie öffentlichen Sammlungen, u.a. abcd, une collection d'art brut, Paris
Musée d'art moderne de Lille Métropole, Villeneuve d'Ascq
 
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Autor
Guardini Stiftung 
Datum
2010-08-30 
Quelle
Pressetext auf kunstaspekte.de, termine-archiv 
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