Ein bekanntes Original: Der Zeichner Kurt Wanski wird 74 Jahre alt 

EIN BEKANNTES ORIGINAL: DER ZEICHNER KURT WANSKI
WIRD 74 JAHRE ALT
Manchmal steht er auch kopf
Von Marion Jentsch

WEISSENSEE Im Bizetcafe an der Bizetstraße wird heute gefeiert: Kurt Wanski aus dem Sankt-Josef-Krankenhaus hat seinen 74. Geburtstag. Freunde, Künstler und viele Weißenseer werden ihn feiern. Wanski ist ein wahres Original. "Na Kurt, spielste mal wieder bei uns?" ruft der Ober am Weißen See dem hageren Mann zu. Kurt schiebt sogleich seinen Kaffee beiseite und kramt die Mundharmonika aus der Tasche. Seine Melodien sind ein schwungvolles Potpourri aus Erinnerungen und Selbsterfundenem. Wer ihn nicht kennt, hebt verwundert den Kopf, manche lächeln über Kurts Aussehen: mehrere Uhren an den Händen, bunte Broschen, Zopfhalter und Abzeichen am Schlips - ein bißchen verrückt. Kurt ist gern draußen, auf Straßen und Plätzen. Mal mit knallig buntem Hemd, kettenbehangen und mit Sombrero. Dann geht es sicherlich zu Volksfesten oder zum Tanz, wo sich im Nu Menschen um ihn scharen. Kurt ist freundlich, begrüßt gern mit Handschlag, geht auf andere zu. Wenn er gut aufgelegt ist, macht er auch mal einen Kopfstand. Wo er auftaucht, ist was los. Dann wieder ist er, etwas verwahrlost aussehend, unterwegs mit Beuteln und Taschen, denn Kurt sammelt gern. Er hat eine geradezu kindliche Freude an Uhren, Tüchern, Kalendern, an Gegenständen, die er zu Dutzenden anschleppt oder mit ihnen handelt. "Nicht mehr so viel wie früher, lohnt sich nicht", sagt Kurt. Seit jeher ist sein Zuhause eine Klinik, jetzt das Sankt-Josef-Krankenhaus. "Bildungsunfähig und zurückgeblieben" heißt die Dauerdiagnose. Doch Kurt schert sich nicht weiter drum. Er schert sich überhaupt nicht drum, was andere von ihm oder sonst für wichtig halten: eine bestimmte Kleiderordnung, feste Zeiten zum Kommen und Gehen, Putzfimmel. Seine Eigenheiten stempeln ihn in den Augen der anderen zum Verrückten ab. Wer ihn mag, sagt über ihn anderes, so der Weißenseer Jürgen Köhler: "Der Mann strahlt eine positive Energie aus, und er ist völlig ungebrochen von irgendwelchen Manipulationen." Oft sitzt Kurt über Zeichenblättern. Dort läßt er Lilien blühen, Tiger durch Reifen springen, stellt seine Sammlungen dar, auch Frauen. "Er zeichnet sehr professionell, beobachtet die Welt genau", urteilt Köhler, der selbst Zeichner ist. Häufig sind Kurt Wanskis Arbeiten in Ausstellungen zu sehen, so im Brechthaus Weißensee, derzeit in Grünau. Es gibt einen Katalog und einen Dokumentarfilm über ihn. "Na klar kennen die mir alle, die jeben mir och mal 'n Kaffee so", sagt Kurt zahnlos. Und setzt zärtlich das kleine Instrument an die Lippen. +++
 
7 von 23 ·  Index


Autor
Marion Jentsch 
Datum
1996-04-26 
Quelle
Berliner Zeitung Archiv 
Notizen/Korrekturen

edit comment
Anti-Spam-Check
Antispam Code
type in the letters: