Kurt Wanski (1922-2012) – Der Zeichner

Zum 20. Geburtstag der Park-Klinik Weißensee wurde Kurt Wanski (1922-2012) eine Ausstellung gewidmet. Kurt Wanski konnte das Wesen der Dinge spüren, der großen und der kleinen. Seine Bilderwelt zeigt uns Facetten, die oft unserer Wahrnehmung entweichen wie flüchtige chemische Verbindungen. Obwohl er sein Leben krankheitsbedingt nur zum Teil in Freiheit verbringen konnte, blieb er ein Freigeist par excellence. Sein Werk fasziniert den Betrachter durch Lebensfreude, Neugier und einen tiefen Humanismus. Insofern können wir von Kurt Wanski lernen, die Welt zu sehen.

Als Kurt Wanski im Alter von 84 Jahren in der Park-Klinik am Innenohr operiert wurde, kannten ihn nicht wenige Mitarbeiter bereits seit Jahren, denn er wohnte nicht weit entfernt in der Nachbarschaft. Im modernen Sinne war er ein Entertainer der Straße, ein Original, von dem es nur ganz wenige gab und das heute so gut wie verschwunden ist. Stets war er gut gekleidet mit Sakko und Krawatte, geschmückt mit einer Vielzahl an Uhren und Ringen und jenen Accessoires, die einen Mann attraktiv erscheinen lassen. Und wenn die Situation es ergab, spielte er auf seiner Mundharmonika zur Freude des Publikums, das sich regelmäßig um ihn versammelte. So zog er durch die Stadt. Entweder war er auf dem Weg zu einem Bekannten oder er hielt Ausschau nach begehrenswerten Dingen, die man in den zahllosen Containern entlang der Straßen finden konnte und die Leute so achtlos weg geworfen hatten. Dass er ein begnadeter Zeichner war, wussten jedoch die Wenigsten. Wann Kurt Wanski mit dem Zeichnen begann, ist nicht wirklich bekannt, wie auch seine Biografie sehr lückenhaft ist. Doch mit Sicherheit war das Zeichnen für ihn eine Arbeit, bei der er Ruhe fand und ganz mit sich allein sein konnte. Es war eine anstrengende Arbeit, darüber war er sich sehr wohl im Klaren. Und dass er zeichnen konnte wie kaum jemand es vermochte, das wusste er auch.

Kurt besaß eine außergewöhnliche Gabe, darüber waren wir uns als Künstler von Anfang an einig. Eine solche Gabe war keinem von uns beschieden. Deshalb liebten wir seine Zeichnungen, manche blickten darauf mit Neid. Er, der in früher Jugend als bildungsresistent eingestuft wurde und Hilfsschulen besuchte, dem ein Zurückgebliebensein in einem kindlichen Stadium attestiert wurde und der sein ganzes Leben in Anstalten, Krankenhäusern und Heimen verbrachte, verfügte über ganz besondere bildnerische Fähigkeiten.

Vielleicht hätte sein Leben anders verlaufen können mit mehr Zuwendung, ohne die frühe Ausgrenzung und die körperlichen und seelischen Verletzungen, die ihm während der Zeit des nationalsozialistischen Systems widerfahren sind. Das alles hat jedoch seine Entwicklung beeinflusst, wie wir es uns kaum vorstellen können. Darüber erzählen wollte und konnte er wohl auch nicht.

Kurt Wanskis zeichnerisches Oeuvre wirkt wie eine Gegenreaktion auf das entbehrungsreiche Dasein, das ihm das Schicksal auferlegt hatte. Wie hätte man das auch alles aushalten können ohne die trostspendende Wirkung von Schönheit und Zauberei, ohne Träume und Wunder, ohne das fantastische Reich einer geheimen inneren Welt. Auf seinen Gängen durch die Stadt sammelte er Zeitschriften, Broschüren und Bücher. Darin fand er eine breite Palette von Bildern, die über Politik, High Society und das laszive Gewerbe informierten. Sie interessierten Kurt besonders, weil in ihnen die Zeit angehalten schien, das hektische Getriebe der Welt in den Abbildungen geradezu erstarrt war. So konnte er ungestört bewundern und untersuchen, was im normalen Tagesablauf so schnell an ihm vorüberflog und das er doch so besonders liebte. Diese Welt stand plötzlich still, er konnte sie mit in sein Zimmer nehmen, um nach strengen Grundsätzen auszuwählen, was sich für eine zeichnerische Ausführung als würdig erwies.

Kurt Wanski zeichnete alles, was in sein Herz Einlass fand, und er hatte ein großes Herz. Herz ist nur ein Synonym für Seele, denn was Kurt Wanski zeichnete, wurde von ihm auch beseelt. Tiger blicken aus funkelnden Augen, stattliche Löwen zeigen ihre Männlichkeit. Blaue Elefanten sind zu sehen und Flusspferde mit abgrundtiefen, alles Lebendige verschlingenden Schlünden.

Und dann der Mensch selbst, so facettenreich wie man ihn sich nicht vorstellen kann: Männer und besonders Frauen, die Mutter Gottes mit ihrem Sohn und Engel, die letztlich auch Frauen sind. Daneben die Dinge, die das Leben angenehmer machen: tickende Uhren, rasende Autos, Flugzeuge und Schmuck.

Mit dem unbestechlichen und aufmerksamen Blick eines Kindes, der gepaart ist mit der Erfahrung des erwachsenen Mannes, entwirft Kurt Wanski sein eigenes wundervolles Bild von der Welt immer wieder neu. Diese Welt ist lebendig, denn sie dreht sich vor uns wie nach einem geheimnisvollen Plan.

Auch wenn wir geneigt sind, Kurt Wanskis Zeichnungen Kategorien wie Art Brut oder Outsider Art zuzuordnen, so sagt das wenig über diese Kunst selbst aus. Wanskis Zeichnungen sind ganz individuelle Zeugnisse einer schöpferischen Persönlichkeit und einzigartige Lehrbeispiele in Sachen Freiheit und Unabhängigkeit künstlerischer Äußerung.

Wenn sie uns berühren, dann vielleicht weil sie gefüllt sind mit Poesie und Heiterkeit. Aber auch, weil ihre Unmittelbarkeit an etwas erinnert, das wir in uns spüren und das wir schon einmal erlebt zu haben glauben, gleich einem Déjà-vu. Lange bevor Sprache in der uns geläufigen Form existierte, haben wir uns mittels Zeichen und Zeichnungen verständigt. Kurt Wanski hatte ohne Zweifel einen direkten Zugang zu diesem Speicher kulturellen Unterbewusstseins, zu einem Bildgedächtnis, das weit in unsere Entwicklungsgeschichte zurückreicht.
 
Jürgen Köhler & Prof. Dr. Hans Behrbohm,
Ärztlicher Direktor
 

erschienen in: cosmetic dentistry, Rubrik Lifestyle Kunst, Heft 3/2017, S. 46-47
und: Kurt Wanski, Der Zeichner. Faltblatt zur Ausstellung, Hg. Park-Klinik Weißensee, Berlin 2017

 

 
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Autor
Jürgen Köhler u. Prof. Dr. Hans Behrbohm 
Datum
2017-08-28 
Quelle
erschienen in: cosmetic dentistry, Rubrik Lifestyle Kunst, Heft 3/2017, S. 46-47 
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