Die Welt des Kurt Wans(z)ki 

Bernd Wagner
Die Welt des Kurt Wans(z)ki

I

Wer in Weißensee die von Schwarzbeton verklebten Bürgersteige der Klement-Gottwald-Allee entlangwatet, wer, um davon auszuruhen, sich in das »Tasso-Eck«, eines der zwei Cafés dieser Straße setzt oder wer gar die Nachmittagsvorstellungen des Kinos am Antonplatz besucht, wird bald auf einen großen, hageren, mal sehr verwahrlosten, mal sauberen, duftenden, geschmückten Herrn treffen: den Künstler Kurt Wanski/Wanzki.

Im ersteren Fall (unrasiert, grau, aber durchaus nicht ohne Schmuck) ist er auf Containertour; meist mit einem verrosteten unbereiften Fahrradanhänger, den er mit Flaschen überladen vor sich her schiebt und von dem Stricke herabhängen wie zottiges Fell von einem Büffel. Trägt er helle Anzüge, farbige, großgemusterte Hemden, Ohrringe, Ketten, Schlips, Sombrero, nur einen oder zwei Beutel in der Hand, ist er unterwegs zu einer Tanzveranstaltung, zu einem Fest, zu Kaskadeuren, in den Tierpark. In jedem Fall aber erleben wir Kurt Wanski in unverkrampfter Anspannung, in tiefer Hingabe an seinen wichtigsten Inspirations- und Produktionsraum – die Straße.

Sie ist es so unangezweifelt für ihn, als wäre sie tatsächlich ein intakter Organismus und nicht längst überwachte Protokollstrecke, sterile, hektikerzeugende Einkaufs- und Durchfahrtsstraße. Aber für Kurt Wanski hält sie noch immer genügend lebendiger Punkte bereit, die zusammen nicht nur ein Netz bilden, das Tag für Tag aufs neue trägt, sondern – dem, was man fürchtet, geht man aus dem Weg, ignoriert es, wehrt sich zu gegebener Zeit – eng aneinander geknüpft das Leben selbst sind: Papierkörbe, Container, Mülltonnen, Hauseingänge, in denen man Flaschen, Gläser, alte Fotos, Bücher, kaputte Uhren, Regenschirme und Garderobe finden kann; der Altstoffhändler, bei dem sich ein Teil davon in Geld umsetzen läßt; die Zeitungskioske und Buchläden, in denen man dafür Illustrierte wie »Unterhaltungskunst« und »Der Hund«, Kalender, Poster, Ansichts- und Kunstpostkarten erhält; Geschäfte, die Ringe und Anhänger, Tücher, Schlipse, Parfüms, Schminkkästchen, Zeichenblöcke und Farbstifte führen; ein Kino, in das man mit dem Handwagen fahren, einen Kopfstand machen und kostenlos den Bildern zusehen kann; Cafés, in denen es Kaffee, Torte, Kaffeelikör gibt und Gäste, die einem das mitunter bezahlen; Frauen, Mädchen, denen man zulachen, zuwinken, Kußhände zuwerfen kann.

Indem die Straße zum Produktionsraum wird – mit Suchen, Finden und Verwerten als wichtigsten Tätigkeiten –, verliert sie für den einzig wirklichen, den raffinierten Naiven ihren Schrecken als zu durchwandernde Hölle, als Zwangsanstalt, die den ständigen Vollzug von Vergnügen fordert. Vergnügen, das die Lust passiv von der Tätigkeit trennen will, gibt es für Kurt Wanski nicht. Wie die Arbeit für ihn ein Greuel ist, so die Erholung. Kurt zu einem Spaziergang, etwa in einen Wald zu verleiten, ist genauso unmöglich wie zu irgendeiner stupiden mechanischen Arbeit. Schon in Gedanken daran tun ihm die gleichen Füße weh, die ihn sonst stundenlang aber eben mit einem Ziel durch die Stadt tragen oder ihn die Abende durchtanzen lassen.

Auch was auf Plätzen, Pressefesten, in den Parks vor den Freilichtbühnen, im Schwimmbad oder Jugendclub passiert, ist für Kurt nicht »Erholung«: die Mundharmonika (Marke »Hero«, Made in China) steckt neben dem Kamm griffbereit in der Hosentasche und für ein gleichzeitig getanztes, schwungvolles Potpourri (ein ständiges Ver-Spielen, Erinnern und Neufinden von fremden und eigenen Melodien) mit abschließendem Kopfstand kann man wohl etwas Kleingeld erwarten.


II

Wie jeder Stadtbewohner braucht auch Kurt Wanski einen festen Ausgangspunkt. Stuhl und Tisch, an dem gesessen, Bett, Kommode, Nachttischschrank, in denen die Schmuck- und Nippessachen versteckt, Wände, an denen Kalender und Bilder aufgehängt werden können. Für Kurt ist das seit jeher die Klinik, seit 8 Jahren die des katholischen St.-Josefs-Stifts in der Gartenstraße.

(Seine Eltern muß Kurt Wanski noch gekannt haben. Jedenfalls erzählt er von einem Neuköllner Marktstand, zu dem sie in den 20er Jahren von Glienicke aus gefahren sind. Spätestens jedoch mit der Beendigung der Schulzeit (Abschluß: Hilfsschule 4. Klasse) begann für ihn das Leben ohne Familie. An ihre Stelle trat das Gesundheitswesen. Zuerst wurde er von der Fürsorge aufs Land geschickt zu einem Bauern nach Zehlendorf. Vor dort aus wanderte er durch die verschiedenen Berliner Krankenhäuser und Anstalten: Buch, Herzberge, Biesdorf, während des Krieges der spätere Knast Rummelsburg mit Arbeit im Kraftwerk Klingenberg. Die Diagnose, um auch das noch zu sagen, lautet: Zurückgebliebensein auf frühkindlicher Stufe, Bildungsunfähigkeit, Sammeltrieb ...)

Als ich vor zwei Jahren Kurt Wanski, vollbepackt und mit Ketten überhangen, im »Tasso-Eck« kennenlernte, hatte er noch seinen letzten Zahn, den er mir stolz zeigte. Heute ist Kurt auch davon befreit, 63 Jahre alt und arbeitet nur noch dienstags und mittwochs in der Wäscherei. Wahrscheinlich haben für ihn die Kliniken immer eine ähnliche Rolle gespielt wie jetzt das St.-Josefs-Krankenhaus: ein selbstverständlicher Lebensraum, in dem man zusammen mit anderen Menschen leben kann/muß, eine Pension, die nur den Nachteil hat, daß man auf gelben Scheinen vorgeschrieben erhält, wann man sie abends wieder zu betreten hat und daß man für die 45,- M Taschengeld zweimal wöchentlich »schindern« muß.

Das Bewußtsein von »Krankheit« ist Kurt Wanski nur schwer einzureden, am ehesten noch vom eigenen Zwillingsbruder, der inzwischen eine der prächtigen Neubauwohnungen am Thälmannpark bewohnt, halbblind, das genaue äußere und innere Gegenbild von Kurt, ein griesgrämiger Schnorrer, der Kurt weismachen will, daß der »mit den Nerven runter« sei. Kurt kennt Kopfschmerzen, kennt Unlust und Müdigkeit, Kratzer, die sofort mit Heftpflaster geschützt werden müssen, aber »Krankheit« oder »Nerven« in dem gewünschten Sinne sind ihm höchstens den Namen nach bekannt.

Genau das ist es, was ihn auch auf Station 10, der letzten unterm Dach des psychiatrischen Sankt Josef, in den Augen der meisten Mitpatienten zum »Verrückten« stempelt. Kurt ist in der beengt-betulichen, auf Sauberkeit, Ordnung und Harmonie ausgerichteten, von Pflegern und Schwestern (Kurts »Nonnen«) überwachten Welt der Dauerstation 10 ständiges Ärgernis und wichtigste Abwechslung. Sein beliebiges Kommen und Gehen, seine florierende Handelstätigkeit, die Sturheit, mit der er ihm unangemessen erscheinende Forderungen scheitern läßt, der Eifer, mit dem er andererseits zum unentbehrlichen Helfer in der Küche, zum Pfleger und Wäscher seiner Kollegen wird, seine Musizier- und Unterhaltungskünste auf Feiern und Ausflügen, seine provozierende körperliche Robustheit – all das muß besonders jene Mitpatienten herausfordern, die schon bessere Zeiten gesehen zu haben glauben.

Dennoch ist Kurt kein Einzelgänger. Aber die Gemeinschaft bedeutet für ihn kein Problem, etwa eins auf das man sich einstellen muß und das zu nie zu verwindenden Kompromissen zwingt – sie ist der Boden, von dem aus man sich durchzusetzen hat, wenn man zur Entfaltung kommen will. Kurt tut das auf natürliche, nicht diskriminierende Weise. Erich Potommel, mit dem er seine enge Stube teilt, ist dafür der richtige Partner, ein kleiner dünner alter Mann, halb so groß wie Kurt, schwerhörig, mit laufender Nase, der ab und zu in ein Marmeladenglas spuckt, das er hinterher wieder verschließt. Kurt überschwemmt auch ihn, sein Bett, die wenigen Möbel, die Wand mit Abzeichen, Kunstblumen, Gummitieren, Weckern, Schuhanziehern, Puppen, Wandbehängen, die er von seinen Rundgängen mit in die Klinik bringt. Aber Erich Potommel geht darin nicht unter; er teilt auf der einen Seite die kindliche Freude an diesen Gegenständen (wie er sich auch von abkitzeln und spaßhaft ins Ohr schreien läßt), auf der anderen weiß er sich, zur Not mit Hilfe der Schwester, zur Wehr zu setzen, wenn ihm alles zu viel wird. Vor allem hat er sein Mittel gefunden, Kurts wichtigster, nämlich künstlerisch-produktiver Herausforderung zu antworten.

So wie Kurt nämlich, wenn er abends etwas zur Ruhe gekommen ist, sich an den Tisch setzt, die Kunstblumen und Wecker beiseiteschiebt, an A 3, A 4 oder am besten A 2 Blatt Papier ausbreitet und seine großen zeichnerischen Interpretationen der Politposter und Tierkalender, Kunstdrucke und Aktfotografien beginnt – so nimmt sich Erich Potommel Urania, Sputnik, die Tageszeitung, einen Fahrplan und schreibt ab: in ein Buch, dessen Seiten er numeriert hat, mit eigener Orthographie, Wiederholungen, eigenen Erfindungen. Eine King-Kong-Reportage z.B. oder das Artenverzeichnis des Berliner Tierparks.

Kommt die Extraschwester, die für Kurts Körperpflege, Korrektur der Garderobe (im Winter zieht er gern Schlafanzug-, Unter-, Arbeits- und normale Hose übereinander) für das Auffinden und Wiederwegschaffen der von ihm ständig angeschleppten Utensilien zuständig ist, nicht mehr nach, helfen die mitunter als Bremse seines Tatendrangs verabreichten Pillen nicht mehr oder verweigert er sie, quillt sein Fuhrpark oder sein Flaschenzwischenlager im Hof der Klinik über, oder aber steht einer der heroischen Staatsfeiertage bevor, die Kurt allesamt beehren würde, hätte man nicht etwas dagegen, seit er einmal Mundharmonika spielend neben den Panzern hermarschierte – dann steckt man ihn für einige Tage oder Wochen auf Station 1, die geschlossene. Auf die Frage, was er dort den ganzen Tag anfangen will, antwortet er: ZEICHNEN!


III

Der Broadway explodiert in der Kantstraße
CINZANO! TORINO!
Auf Tigerfang im Sichote-Alin
Karin und Kirsten Ludwig von Beruf Glücksbringer
Eine Frau für den Großvater
Koriella Pingkuin
Japaner/Rinn
Unser Dank gilt Dir! Partei!
Prallefeste Brüste
Schwester Hildegard
Brit Ekland die sanfte-Blonde aus dem Norden
Von Bliets erschlagen
Scholle Goldbutt Steinbutt Flunderbutt Seezunge
Die Wahrheit über den Osterhasen
Der Engel Kuss nach dem Gemälde von W. Spitz
Jesus und die Samariterin
Die Seehundmutter kann ihr Junges im Wasser säugen
KOPFHÖRER
Lege den Finer auf jeden Posten Wirtschafte Spar sam!
Adolf Hitler – 20. April – dem Führer zum Geburtstag
Ferdinand schüttelt die Betten auf
Der Zebrafink
Der deutsche Tigerdompteur
Meister Theoderich Markus
Schwarzerpanter
Trollblume – Maiglöckchen
Der Grosse! Dicke! Mit der knallharten Faust!
Die Blasmusik ist da
Buzchi Ziekuzzi

Kurt Wanski: der Mittelpunkt eines Kreislaufes von Dingen, von Ideen, Gedanken, Begierden. Von Bildern und von Worten. Die Titel und Kommentare auf vielen Blättern beschwören verbal jene Welt, die Kurt, der Augenmensch, in kaum unterbrochenem Fluß visuell bannt. Die Welt der schönen Frauen in Pelzen, der sich nackt eincremenden und in den Spiegel sich versenkenden, die Welt der exotischen Tiere, der durch zarte, fedrige Blätterwälder schwirrenden Vögel, der Raubtiere hinter Gittern, das Reich der Feste, das der alten und neuen Propheten, der Indianer im Federschmuck, der S-Bahnhöfe, Schlösser und Zugschranken. Sie, die Worte, gehören dazu als Form der Präsentation und Verdeutlichung da, wo auch die Vorlage Vokabeln mitliefert, sie wird nicht vermißt auf den »reinen« Blättern, die, bis auf ganz seltene Ausnahmen, doch immer der Namenszug ziert: Kurt Wanski (in gotischer Schreibschrift) oder Kurt Wanzki (in Blockbuchstaben), unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen, der letzte Akt der Überführung aus einem vorgefertigten in ein neues, individuelles Bilduniversum.

Es ist gerade diese Doppelbödigkeit – anonyme, gedruckte Vorlage und persönliche, zugleich freie und genaue Wiedergabe, die einen Reiz der Bilder ausmacht. Dem Ab-Zeichnen dabei doch einen leisen Makel anzuheften, der glücklicherweise dort aufgehoben wird, wo Überschwang der Begeisterung oder Schwierigkeit, komplizierten Linien zu folgen, zu eigenen Formen führt – das wäre nur die gefälligere Art eines Mißverständnisses. Erst die vorbehaltlose Hingabe an irgendein Abbild ermöglicht Kurt Wanski jene feine Identifikation mit dem Darzustellenden, den souveränen zeichnerischen Schwung, der Linien finden und Flächen ausbreiten will. Und sie führt durch das Aufnehmen praktisch aller verfügbaren Vorlagen zu einer umfassenden Darstellung und Interpretation unserer optischen Kunst-Welt.

Kurt Wanskis Verfahren ist konsequentes Reagieren auf eine Zeittendenz: das Abbild reizt mehr als die Wirklichkeit und überflutet sie immer aufs Neue. Das bereits Vorgeformte, schon einmal gebannte und so zur Ruhe Gekommene ist für Kurt ganz anderer Reiz und Maßstab als die bewegliche, sich ständig ändernde Umwelt, der man tagsüber auf die ihr gemäße Weise beizukommen sucht.

Die Verführbarkeit des Naiven führt dazu, daß jeder Zeiterscheinung und Mode unmittelbar gespiegelt wird: sein hartnäckiges Beharren auf die eigene Sicht unterzieht sie einer nicht bestechlichen Prüfung. Was dabei entsteht, ist nicht nur Abbild der Medienwelt, es ist gleichzeitig ihre Feier und ihre Entlarvung, Verlebendigung und Korrektur: Kurt nimmt sie beim Bild und beim Wort, und siehe, alle Retuschierungen der Geschichte fallen weg: neben Lenin und Ulbricht taucht Hitler auf, die Floskeln werden auf ihren Kern gebracht: »Clara Zetkin. Ich will dort kämpfen, wo das Lebenn ist«. Aus dem reißerischen Agitationsplakat wird ein tragischer und schöner Menschenkopf, der durch die Unterschrift nicht denunziert, allerhöchstens erklärt wird.

Natürlich geht es Kurt Wanski nicht im geringsten um diese Dinge. Er produziert, genau wie die meisten seiner Vorbildlieferanten, für den Markt (2-5 M pro Bild) und weil es ihm Freude macht. Während die anderen Patienten sich abends im Fernsehraum drängen, sitzt Kurt, wenn er zuhause ist, über seinen Zeichenblättern und läßt auf Vorder- und Rückseiten Maiglöckchen und Lilien blühen, Tiger und Löwen durch Reifen springen.

Aber wie kann man das Wie von Kurts Zeichnungen, ihren Atem, die Welt seiner Gefühle und Visionen beschreiben?

Die benutzten Mittel stehen wohl fest, seit Kurt zu zeichnen begann: Blei- und Farbstifte, das Inventar der Federmappen der ärmeren Schuljugend. Aber auch jede Art neuer Stifte, Filz-, Wachs-, Fettstifte, Kreiden wird gern ausprobiert, schnell und sicher eingesetzt. Die größte Gefahr geht von den Filzstiften aus, weil sie seiner Tendenz zu raschem und effektreichen Arbeiten entgegenkommen. Doch nachdem ihre Widerstandslosigkeit eine Weile ausgenutzt wurde, erlischt das besondere Interesse an ihnen und sie werden zu einem Mittel unter anderem. Denn als ehrlicher Arbeiter und sicherer Stilist verschmäht Kurt Wanski natürlich Techniken, die es ihm zu leicht machen.

Nach ausschweifenden Fett- und Filzstiftausflügen tauchen Reihen nur mit Bleistift fein schattierter Arbeiten auf, aus denen dann plötzlich wieder ein Beinpaar in orangener Farbstiftglut leuchtet. Die in jeder einzelnen Arbeit und auch insgesamt unverwechselbare Farbigkeit – trotz vorgefertigter, unmischbarer Farben – resultiert einmal aus der Kontrastierungen. Der Strich der Zeichnung wechselt von schwungvollen zu kräftig-starreren und wieder sehr zarten Linien.


TIERE Blaumeisen mit langen Kolobrischnäbeln blicken ungerührt von Maikäfermonstern auf Nachbarzweigen (Hibiskus). Perlhühner Auerhähne Fasanenhennen fliehend bunte, Pfauen. Der Tiger im Wasser. Das schwimmende Krokodil mit Frau auf dem Rücken. Die Hundekoppel beifuß des Jägers vor ihnen Hasen Rebhühner Rehe: erlegt. Löwenjagd per Hubschrauber in Afrika: der Krieg der stattfindet ist der gegen Tiere. Elefanten tragen Stoßzähne noch erdwärts Baumfarn Schachtelhalme russische Birke. Die Tier- die ander Welt? Mit anderen Sprachen anderen Gesten anderen Waffen anderen Formen und Farben gleichen Gedanken? Auf der Nase tanzen die Affenkinder dem Mandrill. Der Löwe springt irritiert von Maus auf Schwanz. Es gibt diese Welt, auf Abbildungen. Vor Lebendem eher Scheu: unter Brücken Ratten, sie sehen vom Boot aus. Tierschau in Tierpark, Plänterwald hinter Gittern. Vögel klopfen picken nicken schwingen schwirren trippeln in Blüten-Federnschaum der Bäume.

STADTLANDSCHAFTEN Das 1zige Reich das mit dem Lineal zu errichten ist sehr nahe dem Maschinenpark. Wenn die Z-Bahn um die Ecke biegt auf dem umgebauten Liechtenberger Bahnhof haben die Möbelwagen und Hundehütten geflaggt. Starre in den Mauern auch den Fahnen wenn es nicht verkehrt. Der Fotoapparat macht Zzzlick: es leben die Symbole. Herz auf reisen in alle 4 Himmelsrichtungen. Wenn der Spiegel zerschlägt im grauen Mondinschein die alte grüne Filzstiftstadt läuten schrill Glocken Dächer Türme. Vogeleinfall wo bei Rot die Sonne stehet. Die Maschinen sind gestartet und die Papierkörbe und Mülltonnen verrutschen wenn die Stadt als Schiff auf Meere geht mit schwerem Anker.

POP / FESTE Wieder beginnt das neue Jahr im Januar und fängt von vorn an, woran es zu erkennen, sind die Feste. Fasching Frauentag Ostern Himmelfahrt Blumenfest 7. Oktober ... Die Wäschereialltage sind immer gleich jeder Feiertag hat seine Zeichen. Sektglas Schornsteinfeger Schnapsnase Hase Eier Küken Henne Schlitten Engel Weihnachtsmann. Und zu jedem gehören Geschenke ist man, per Zeichnung, zu beglückwünschen: 1. Mai – Ein gesundes Fest! Nur das erhöhte Leben zählt – auf die Bühne! Mundharmonikaspiel durch Mikrofon und von allen gesehen. Die Poster leben – »Prinzip« das sind 4 Männer mit Reißverschlüssen. Cyrkuz – der Löwe unterm Zeichen des Sterns. Auf der Ottomane Regina Thoss, die Frau mit den zehn Fingern alle Nägel rot bemalt.

CHRISTENTUM/KUNST Die die gelben Urlaubsscheine ausstellen: Nonnen. Die in ihrer Pförtnerloge über die Rückkehr wachen: Nonnen. Die als schwarz verhüllte Eminenzen immer hinter den fleischlicheren Schwestern, Pflegern auftauchen und zu Gottesdienst Lichtbildervortrag läuten: Nonnen. Denen als höchste unparteiische Instanz seine erotischen Visionen vorzulegen Kurt nicht versäumt: Nonnen. Die ihm monalisisch blickend Kunstdruckikonen dafür geben: Nonnen. – Es wird ernst und männlich in dieser Kosmosecke. Männer drohen mit Schwertern Lanzen Büchern sie sind grünbebartet auf ihren Schultern hocken Teufel als Löwen mit Menschenantlitz. Ornamentaler Panzer um Maria mit Kind, Falten wie aus Holz geschnitzt es wetterleuchten die Profeten. Die Bibel illustriert: ein Strahl Blut springt aus Jesus Seite vom Speer eines Insekts getroffen das als Engel weiterfliegt. Der Heide glaubt Geschichten und Gebote möchte wissen was »danach« kommt wie auch »was hinter dem Himmel« ist, aber er bleibt Heide. Die lichtvollere Art des Ernstes und der Gesammeltheit die Romanen. Gauguin Picasso Giorgione Leonardo Raffael. Das Leben sind Szenen: die Tahitifrauen wedeln mit Fächern Hunde umstreichen sie Gauguin in Stulpenstiefeln darob sinnend. Der junge Kaplan mit dem Weinglas in der Hand, während des Kusses vor dem Bett der Stuhl atemlos in Sehnsucht.

FRAUEN Immer umgeben uns Frauen ständig atmen wir sie und sie uns. Als Madonnen oder Schönheiten um deren Hälse sich die Felle von Füchsen legen, als gelbes Sehnsuchtsleid mit Blüten hinterm Ohr, als Filmsalome die schwarz blickend abgetrennten Kopf in Händen hält, als bedrängte Unschuld im Zimmer mit Affen Geilheit auf dem Bord und flammenden Füßen, als lachsrotes 4füßiges Tier mit rosa Pfötchen, als Schwester Hildegard Frau Dr. Rosner (als einzige: frei gemalt). Alle sind schön. An jeder ist etwas das schön ist, auch wenn sie Hexen auch wenn sie komisch sind. Sie sind der 1zige Bezugspunkt alles geschieht in Hinsicht auf sie und unter ihrem Anblick. Sie sind das 1zig wirklich Andere ein anderer Geruch ein anderer Gang andere Kleider und, als Akt als konsequent entnonntes Anderes ein anderer Körper. Rötlich und gelblich braun rosig und orange, der ungeheure schwarze Fleck unter dem weichen Bauch spiegelt sich als kleiner zwischen den Brüsten wieder, der rote Mund die Zähne Blicke. Man kann es näher heranholen dieses Weibliche indem man sich selbst die Fingernägel lackiert die Lippen schminkt parfümiert.

Denn immer muß man noch näher heran es gibt kein Nachlassen. Geschenke erhalten und verteilen sich schmücken tanzen singen küssen und winken und niemand besitzen da man allen gehören möchte.

1984

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veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von
Bernd Max Wagner
7.12.2012
 
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Autor
Bernd Wagner 
Datum
1984 
Quelle
Aus dem Katalog "Kurt Wanski, Ein gesundes Fest", 1992 
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