Aus dem Katalog der Kunstsammlung Pankow 

KURT WANSKI
Altglienicke bei Berlin 1922 - lebt in Berlin

Die häuslichen Verhältnisse sind unklar. Kurt Wanski lebte mit seinem Zwillingsbruder bis zu seinem 5. Lebensjahr in einem Kinderheim. 1928 Besuch der Hilfsschule in Altglienicke. Er lernte Mundharmonika spielen und begann zu zeichnen. Als Jugendlicher von einer Bauernfamilie in Zehlendorf in Pflege genommen, Arbeit im Stall und auf dem Feld. 1939 - 1945 Aus den Erzählungen Kurt Wanskis lässt sich schließen, dass er während des 2. Weltkrieges in Rummelsburg inhaftiert war und mit anderen Gefangenen im Heizkraftwerk Klingenberg arbeitete. Dort erlebte er die Bombardierung Berlins. Von Juli 1945 bis April 1947 wurde er mit unklarem Delikt als Insasse der Haftanstalt Alt-Moabit in Berlin geführt; nach der Haftentlassung Einweisung in die Wittenauer Heilstätten. 1951 bis 1971 als Patient in verschiedenen Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen Berlins. Seit April 1971 lebt Kurt Wanski im St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee. Seit 1982 wurden seine Zeichnungen von Freunden gesammelt, frühere Arbeiten sind verschollen. 1984 erste Ausstellung von Zeichnungen im "Seitenflügel" der Sredzkistraße.

Kurt Wanski – Ein gesundes Fest! - Hrsg. Hans Scheib und Bernd Wagner. - Berlin 1992; Gerd Kroske: Dokumentarfilm-Porträt Kurt oder Du sollst lachen. - Berlin 1992

Als es das "Brecht-Haus" in Berlin-Weißensee noch als Ausstellungsort gab, konnte man bei Eröffnungen fast immer einen dünnen alten Mann mit schütterem Weißhaar sehen, der eine Reihe van Armbanduhren und manch merkwürdiges Schmuckstück trug. Auf dem Boden eines der Ausstellungsräume legte er dicht an dicht mit Zeichnungen bedeckte Papiere aus, die mit Bunt- oder Filzstiften gemacht waren und oft große ungelenke Beschriftungen in Sütterlinschen Lettern trugen. Kurt Wanski war herübergekommen aus seiner Wohnung im St. Josephs Krankenhaus, wo er bis heute betreut wird. Die Zeichnungen konnte man kaufen, feste Preise hatten sie nicht, man gab, was man meinte schuldig zu sein. Natürlich wurde das auch ausgenutzt. Aber Kurt ging immer mit einem kleinen Geldbündel nach Hause, das er in der folgenden Zeit in Schmuck und Uhren und allerlei Souvenirs, deren Erinnerungswert nur ihm bekannt sein würde‚ umsetzte.

Kurt Wanski liest jede Menge Zeitungen und sieht noch mehr Bilder – solche seiner Wirklichkeit und solche der Medien. Dann beginnt er zu zeichnen und die Eindrücke geraten in einen Taumel. Sie vermischen sich und erscheinen auf dem Papier als oftmals luzide, immer aber originelle Metamorphosen des Gesehenen, als ganz überraschende Ansichten der "Außenwelt der Innenwelt". Diese Blätter sind poetische, aus einer unbefangenen Neugier entstandene und vorurteilsfreie Paraphrasen auf die Bilderflut. Nach seinem eigenen, uns nicht nachvollziehbaren Gesetz wählt er sehr sorgfältig aus. Tiere und Flugzeuge, berühmte Frauen, weniger Männer, Politiker und Schauspieler meist, aber auch Clowns und Indianer und Rousseausche Urwälder fesseln seine Aufmerksamkeit. Daneben beeinflusst der Hintergrund des katholischen Stifts, in dem er lebt, die Ikonographie seines Zeichnens maßgeblich. Christus und die Heiligen geraten so unversehens in den Strudel der bekannten Zeichen, der Stars und Stereotypen, Verlockungen und fiebrigen Visionen, der Zitate und der Zoten des Alltags.
Nicht umsonst und schon gar nicht ohne Recht setz Kurt Wanski hinter seinen Namen, wenn er die große Signatur auf das Blatt malt, ein großes Ausrufezeichen.

Matthias Flügge


Abb.:
Eine Frau für Großvater! Tanggo. ohne Jahr
Bleistift auf Papier. 41,7 x 59 cm
sign. u.re. Kurt Wanski!
bez. o.Mi.: Eine Frau für Großvater!/Tanggo
verso: [Buntstiftzeichnung‚ Darstellung verschiedener Tiere]
verso sign. u. re.: Kurt Wanski!
Provenienz: Kulturamt Weißensee, 1993 erworben
Inv. Nr.: KKA WS G 1009
 
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Autor
Matthias Flügge 
Datum
2006 
Quelle
Wochenmarkt und Knochengeld, Katalog der Kunstsammlung Pankow, Berlin 2006 
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